Milliarden Plastikteilchen im Tee? Was von der Zahl übrig bleibt
Stand: 24.09.2026
Eine Zahl geht seit Jahren durch die sozialen Netze: rund 11,6 Milliarden Mikroplastik- und 3,1 Milliarden Nanoplastikteilchen bei einem einzigen Aufguss mit einem Kunststoffbeutel. Sie stammt aus einer Untersuchung von Forschenden der McGill University in Montreal aus dem Jahr 2019. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat sich diese Studie vorgenommen und kommt zu einem deutlich anderen Bild.
Warum das BfR die Messung für ungeeignet hält
Die Kritik betrifft die Probenvorbereitung. Die Flüssigkeit wurde vor der Analyse eingedampft und der Rückstand unter dem Elektronenmikroskop gezählt. Dabei passiert laut BfR Folgendes: „Nichtflüchtige Substanzen, die vorher im Extrakt gelöst waren, fallen bei dieser Trocknung als Feststoffe aus und können fälschlicherweise als Mikroplastikpartikel identifiziert und gezählt werden.“ Beim Großteil der gezählten Teilchen handelte es sich demnach gar nicht um Mikroplastik, sondern um Oligomere, also kurzkettige Nebenprodukte aus der Kunststoffherstellung. Die Methode nennt das BfR „für die Untersuchung auf Mikroplastik gänzlich ungeeignet“.
Man muss dabei die Größen auseinanderhalten. Von den 11,6 Milliarden entfielen nur 2,3 Millionen Teilchen auf die Klasse über einem Mikrometer. Genau für diese Größe haben Forschende, unter anderem vom BfR, bereits 2020 nachgemessen, und zwar mit einem Verfahren, das jedes einzelne Teilchen chemisch bestimmt statt einer getrockneten Schicht. Gefunden wurden 5.800 bis 20.400 Partikel pro Beutel. Das sind zwei bis drei Größenordnungen weniger, also der Faktor 100 bis 1.000.
Der Befund, der die Geschichte dreht
Noch wichtiger als die Zahl ist die Herkunft. Nach den Untersuchungen des BfR wurden die Partikel nicht beim Aufgießen aus dem Kunststoff herausgelöst. Sie lagen bereits vorher auf der Oberfläche der Beutel und wurden vom heißen Wasser teilweise abgewaschen. Mikroskopaufnahmen vor und nach dem Aufguss zeigten keine Veränderung des Beutelmaterials. Genau die wäre zu erwarten, wenn sich die Teilchen aus dem Kunststoff selbst gebildet hätten.
Zur Gesundheit schreibt das Institut in seiner Mitteilung vom 5. August 2025: „Nach dem derzeitigen Stand des Wissens ist es unwahrscheinlich, dass von Mikroplastikpartikeln in Lebensmitteln gesundheitliche Risiken für den Menschen ausgehen.“ Belege für schädigende Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit lägen nicht vor. Ein abschließendes Urteil ist das ausdrücklich nicht: Wegen der unzureichenden Datenlage kann das BfR die Wirkung von Mikroplastik auf den menschlichen Körper noch nicht zusammenfassend bewerten. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat ihre Risikobewertung ebenfalls nicht abgeschlossen. Eine Literaturauswertung von Oktober 2025 bestätigte zwar, dass Teilchen aus Verpackungen in Lebensmittel übergehen können, aber in deutlich geringeren Mengen als in manchen älteren Arbeiten berichtet. Das vollständige Gutachten ist für Ende 2027 vorgesehen.
Was in deinem Beutel steckt und was du tun kannst
Unabhängig von der Zahlenfrage bleibt die Materialfrage, und die ist leichter zu beantworten. Netz- und Pyramidenbeutel sind häufig aus Kunststoff, meist PET oder Polyamid, das viele als Nylon kennen. Klassische Papierbeutel können einen kleinen Kunststoffanteil an der Klebenaht haben, besonders die Ausführungen ohne Faden. Das hat Öko-Test schon 2019 beschrieben. Papieroptik allein ist also kein Beweis dafür, dass kein Kunststoff verbaut ist.
Zwei Begriffe auf der Packung helfen dir dabei nicht weiter: „biobasiert“ beschreibt den Rohstoff, „kompostierbar“ den Abbau unter bestimmten Bedingungen. Keiner von beiden bedeutet automatisch, dass der Beutel ohne Kunststoff auskommt. Fehlt eine eindeutige Angabe zum Beutelmaterial, findest du sie oft auf der Herstellerseite, sonst hilft eine Nachfrage. Wenn du Kunststoffbeutel ganz vermeiden willst, brauchst du kein Spezialprodukt: Loser Tee mit einem Edelstahlsieb erledigt das, ein Sieb kostet einmalig ein paar Euro, und du sparst nebenbei Verpackung.
Der Stand ist also unbequem für beide Lager. Die Milliardenzahl, die seit Jahren geteilt wird, hält der Nachprüfung durch die deutsche Behörde nicht stand, und die gemessenen Partikel stammten nicht einmal aus dem Beutelmaterial. Gleichzeitig ist die Gesamtbewertung von Mikroplastik im Körper offen, und sie bleibt es bis mindestens Ende 2027. Wer aus Umweltgründen weniger Einwegverpackung möchte, hat einen guten Grund zum Wechsel. Wer bei seinen Teebeuteln bleibt, findet in der aktuellen Datenlage keinen Anlass zur Sorge.


